Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Carsten Brzeskis Blog Gut, aber nicht gut genug

Mittwoch, 13. Mai 2015

Gut, aber nicht gut genug

 

Jetzt sind die Zahlen endlich da. Das Statistische Bundesamt hat heute früh die ersten Wachstumszahlen für das erste Quartal 2015 veröffentlicht. Mit einer Wachstumsrate von 0,3% läuft die Wirtschaft weiterhin geschmiert. Interessanterweise aber nicht so gut, wie die starken Konjunkturindikatoren der letzten Monate angedeutet hatten. Woran liegt es?

 

Erst einmal die positive Geschichte. Zwar hat man es schon häufig genug gehört, von manchen Sachen kann man aber nicht genug bekommen. Deutschland profitiert im Augenblick immer noch von alten Strukturreformen, die mittlerweile von neuen Rückenwinden künstlich verlängert werden. Das QE-Programm der EZB sorgt dafür, dass Zinsen niedrig sind und der Euro schwach ist. Wer profitiert davon? Richtig, vor allem die deutsche Konjunktur. Und so bleiben die Konjunkturvoraussichten rosig: Höhere Löhne, Arbeitsplatzsicherheit und niedrige Zinsen stürzen viele Deutsche in den Konsum. Die Exporte ziehen von einem Rekord zum nächsten und Finanzminister Schäuble freut sich regelmäßig über höhere Steuereinnahmen. Eine heile konjunkturelle Welt, die eigentlich die provokative Frage herauslockt: „Warum wächst Deutschland eigentlich nicht noch schneller?“

 

In der Tat. Bei einem Arbeitsmarkt, der sich bei Vollbeschäftigung befindet, und extrem günstigen Rahmenbedingungen sehen 0,3% fast mager aus. Aus meiner Sicht gibt es mindestens drei Elemente, die verhindern, dass aus dem guten ein sehr guter Aufschwung wird: der Arbeitsmarkt, die Industrieproduktion und die öffentlichen Finanzen:

 

1. Der Arbeitsmarkt hat sich dem Niveau der Vollbeschäftigung genähert. Die Arbeitslosigkeit sinkt seit zwei Jahren nahezu nicht mehr und auch das Beschäftigungswachstum stagniert. Will man einen neuen Schub vom Arbeitsmarkt haben, wird man um neue Reformen nicht umhin kommen.

 

2. Wenn man den Bausektor nicht berücksichtigt, bewegt sich die Industrieproduktion schon seit Jahren eigentlich nur noch in eine horizontale Richtung. Trotz (oder gerade wegen) Industrie 4.0. Entweder sind wir gerade mitten in einer strukturellen Veränderung oder Deutschland braucht neue Impulse für die inländischen Investitionen. Zu denken wäre da an steuerliche Vorteile für Investitionen oder aber auch an ein Umdenken bei der Förderung von Startups.

 

3. Zu guter Letzt ist die starke Leistung der öffentlichen Finanzen positiv für die Zukunft der alternden Wirtschaft und Gesellschaft. Gestern erst hat die Europäische Kommission wieder bestätigt, wie stark Deutschland unter dem demographischen Wandel leiden wird. In Zeiten, in denen Investoren dem deutschen Finanzminister allerdings Geld hinterherwerfen, wären neue öffentliche und zukunftsgerichtete Investitionen eine interessante Alternative.


Und so geht es der deutschen Konjunktur im Grunde genommen wie Bayern München: eine solide Leistung ist nicht (immer) genug, um an der europäischen Spitze zu bleiben. Wie spätestens ab heute in München über neue Investitionen in den aktuellen Kader diskutiert wird, sollte die Bundesregierung das gleiche für die deutsche Wirtschaft tun.

 

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