Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Ist mehr wirklich mehr? | 13.04.2018

Montag, 16. April 2018

Zu seiner „Zahl der Woche“ kürte das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche die Schnapszahl 555, doch von Alkohol sollte man in diesem Zusammenhang besser die Finger lassen: Es handelt sich dabei um die Anzahl der Pkw je 1.000 Einwohner in Deutschland – ein neuer Höchststand. Auch der anhaltende Zuzug in die Städte treibt dort zwar Immobilienpreise und Mieten in die Höhe, führt aber offenbar nicht dazu, dass Menschen sich dauerhaft von ihrem Automobil trennen und vollständig auf den üblicherweise gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr oder auf Car-Sharing-Angebote umsteigen.

Deutschland belegt im EU-weiten Vergleich der Pkw-Dichte einen der vorderen Plätze. Unter den Staaten mit mindestens 10 Millionen Einwohnern weisen nur zwei Länder einen höheren Wert auf: So zog unser östlicher Nachbar erst im aktuellsten Jahr der Statistik (2016) an uns vorbei. Bereits in den Jahren zuvor hatten die Polen beachtlich aufgeholt – 2007 hatten sie noch den elften von zwölf Plätzen belegt.

Unübertroffen scheint aber die Liebe der Italiener zur „Bella Macchina“: Mit 625 Pkw je 1.000 Einwohner belegen sie klar den Spitzenplatz in unserem Chart der Woche. Allein in Frankreich zeigt sich dabei eine minimale Abnahme des relativen Pkw-Bestandes während der dargestellten zehn Jahre – überall sonst ist ein mehr oder weniger deutlicher Zuwachs zu verzeichnen. Das liegt natürlich vor allem daran, dass sich mit zunehmendem Wohlstand mehr Menschen einen fahrbaren Untersatz leisten können, abzulesen insbesondere an der Entwicklung in den früheren Ostblockstaaten: Um rund 45 Prozent stieg die durchschnittliche Pro-Kopf-Motorisierung in Polen, Tschechien und Rumänien.





Aber wie das oft so ist mit dem Wohlstand: Nicht alles, was wir uns leisten können, ist auch gut für uns. Während in früheren Zeiten ausreichende Ernährung eine der Hauptsorgen der Menschen war, geht heutzutage die jederzeitige leichte Verfügbarkeit energiereicher Nahrungsmittel in den Industrieländern mit Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes einher. Und so, wie wir mit Low-Carb, Trennkost und „FdH“ unseren Wohlstandsbäuchlein zu Leibe rücken, könnten uns nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zur Zulässigkeit von Fahrverboten demnächst die Stadtverwaltungen auf Diesel-Diät setzen. Feinstaub und Stickoxide sind hier quasi die Sahne auf der CO2-Torte.

Dabei handelt es sich bei der Diesel-Diskussion nur um einen ersten Schritt hin zum ohnehin irgendwann anstehenden Ende des Verbrennungsmotors. In Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde, sollen bereits ab 2030 nur noch Autos ohne Verbrennungsmotor verkauft werden dürfen, ebenso bei unseren niederländischen Nachbarn. Frankreich und Großbritannien folgen 2040, Norwegen geht bereits 2025 voran. China, Nummer zwei der Welt bei Bevölkerung und Wirtschaftsleistung, verlangt bereits heute eine Elektro-Quote von acht Prozent aller Neufahrzeuge.

Aber mit der Umstellung auf eine andere Antriebsweise ist es möglicherweise nicht getan – Parkplatznot, verstopfte Straßen und Konkurrenz mit anderen Verkehrsträgern betreffen Elektroautos genauso wie ihre Verbrennerkollegen. Das gilt vor allem in den weiter wachsenden und sich verdichtenden Städten. Hier dürften neue Verkehrskonzepte vonnöten sein – in denen der private Pkw zwischen Car-Sharing und selbstfahrenden, vernetzten Taxis möglicherweise immer weniger Platz findet. Derartige Umstellungsprozesse erfordern natürlich Zeit und Umsicht in einem Land, in dem die Automobilindustrie für 20 Prozent der Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe und für 871.000 Arbeitsplätze sorgt. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob nicht nur auf dem Teller, sondern auch auf der Straße weniger nicht manchmal mehr sein kann.


Wunsch und Wirklichkeit in der Verkehrspolitik
Zum Download: Studie "Stadt ohne Diesel" zu drohenden Fahrverboten (PDF, 128 KB)

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