Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Marktlücke

Freitag, 5. Oktober 2018

Im Markt der Volkswirte gibt es ein Erfolgsrezept: den leicht negativen, immer warnenden Volkswirt. Zuhörer lieben die leicht schaurigen Geschichten und freuen sich so umso mehr, wenn die Wirklichkeit eigentlich viel besser war. Liegt der negative, schwarzmalende Volkswirt dann ein Mal in den zehn oder zwanzig Jahren mit seiner Prognose richtig, erhält er den Guru-Status. Niemand erinnert sich mehr daran, wie häufig er oder sie eigentlich mit den Untergangsprognosen daneben lag. Es überrascht daher nicht, dass sich immer mehr Volkswirte diese Erfolgsstrategie angeeignet haben. Wenn sich der Markt in eine Richtung bewegt, gibt es allerdings immer neue Öffnungen für Nischenspieler. Auch im Markt der Volkswirte. Es ist Zeit, die Nische des positiven Volkswirts zu besetzen. 

In erster Instanz erscheint es als äußerst naiv, aktuell optimistisch zu sein. Handelskrieg, eine mögliche Abkühlung der US-Wirtschaft, Turbulenzen in Schwellenländern oder Italien. Die Liste der aktuellen Risiken ist lang und könnte jederzeit fast endlos verlängert werden. Trotzdem gibt es etliche Gründe dafür, dass es um die Konjunkturaussichten gar nicht so schlecht bestellt ist. 

Die amerikanische Konjunktur boomt. Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter, Unternehmen investieren und die Wirtschaft scheint den Anstieg des Leitzinses auch gut zu verkraften. Die Steuererleichterungen sollten im kommenden Jahr etwas an Schwung verlieren. Wenn eine Wirtschaft aber im 11. Jahr des Aufschwungs etwas an Wachstumsdynamik verliert, ist das nun wirklich kein Beinbruch. Beim Handelskrieg muss man gut unterscheiden zwischen Fakten und Fiktion. Fakt ist, dass aktuell nur gut 2,5% des gesamten Welthandels vom Handelskrieg betroffen ist. Viel zu wenig, um die Weltwirtschaft in eine Rezession zu stürzen. Das aktuelle Beispiel NAFTA zeigt auch, dass sich an den Fakten trotz viel Geschrei nicht viel ändert. Die Turbulenzen in den Schwellenländern sind aktuell besser zu verkraften als vor zwanzig Jahren. Das hat vor allem damit zu tun, dass Schwellenländer keine homogene Gruppe mehr sind, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Länder. Eine Krise in einem Land verursacht daher nicht mehr automatisch einen Flächenbrand. Schwellenländer mit Handelsüberschüssen und Devisenreserven werden weiterhin Wachstumstreiber sein. Zu guter Letzt sollten die Märkte doch verstanden haben, dass Europa bekannt ist für Kompromisse in letzter Minute. Das gilt einerseits für den Brexit, andererseits aber vor allem für Italien. Ein Haushaltsdefizit von 2,4% vom BIP sollte wirklich keine schlaflosen Nächte verursachen. Natürlich tut Italien zu wenig, um den hohen Berg Staatsschulden abzubauen, aber bei der aktuellen Zinslage und politischer Unruhe wird Europa ein Auge zudrücken. Wenn der Haushalt auch noch helfen sollte, etwas mehr Wachstum nach Italien zu bringen, bleibt uns eine erneute Eurokrise im kommenden Jahr auch erspart. 

Niedrige Zinsen, ein schwacher Euro sowie anziehende Investitionen und mehr Staatsausgaben sind aktuell starke Argumente für ein anhaltendes solides Wachstum in der Eurozone im nächsten Jahr. Natürlich muss man als Analyst wachsam und nicht naiv sein. Ein wirklich ausufernder Handelskrieg inklusive einer Sanktionswelle, wachsende politische Instabilität, strukturelle Probleme in strategisch wichtigen Sektoren und geopolitische Machtsverschiebungen. Das sind alles potentielle Gefahrenherde. Nicht zu Letzt auch für Deutschland.  

Deutschland und die USA befinden sich mittlerweile im zehnten Jahr des Aufschwungs. Natürlich nimmt nach so langer Zeit die Wahrscheinlichkeit auf einen Abschwung zu. Allerdings muss das noch lange nicht nächstes Jahr sein. Es wird Zeit für positive Volkswirte.

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