Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Technologie als Klimaretter? | 07.12.2018

Freitag, 7. Dezember 2018

Im polnischen Katowice tagt derzeit die UN-Klimakonferenz. Es geht darum, aus den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Doch viele der angereisten Politiker aus fast 200 Nationen haben nicht nur die Begrenzung der globalen Erwärmung im Sinn – jedenfalls nicht in erster Linie: In den Verhandlungen wollen sie auch erreichen, dass gerade ihre jeweiligen Interessengruppen vor allzu einschneidenden Maßnahmen geschützt werden. Denn die Anforderungen sind gewaltig: Um bis zur Mitte des Jahrhunderts eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 2°C zu erreichen, müsste der derzeitige energiebezogene CO2-Ausstoß von rund 33 auf 21 Milliarden Tonnen im Jahre 2030 und 11 Milliarden Tonnen im Jahr 2050 schrumpfen. Für eine Begrenzung auf 1,5°C wären es noch einmal jeweils 3 Milliarden Tonnen weniger. Zur Debatte stehen also eine Reduktion auf ein Drittel bzw. ein Viertel des heutigen Werts. Da scheint es unausweichlich, dass die Menschen vor allem in den Industrienationen und den aufstrebenden Schwellenländern sich auf deutliche Einschränkungen ihres Lebensstils und ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gefasst machen müssen.

 

Doch zwangsläufig ist eine solche Entwicklung nicht – das ist zumindest die Ansicht unserer Kollegen in Amsterdam. In ihrem als „optimistisch, aber realistisch“ beschriebenen „Positive Tech Scenario“ schildern sie, wie technologischer Fortschritt zwar nicht im Zeitraum bis 2030, aber immerhin bis zum Jahre 2050 die globalen CO2-Emissionen auf ein Maß reduzieren könnte, das mit einer Erwärmung um rund 2°C konsistent ist. Dabei sieht auch die Welt der Autoren im Jahr 2050 natürlich anders aus als unsere heutige und stützt sich ebenfalls auf Regulierung durch internationale Abkommen, kommt aber ohne umfassende Einschränkungen oder gar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung aus.


Anteile verschiedener Energieträger an der globalen Elektrizitätserzeugung unter den Annahmen des „Positive Tech Scenario“


So gehen die Autoren des Reports davon aus, dass trotz enormer Steigerungen der Energieeffizienz der globale Elektrizitätsbedarf von derzeit rund 20.000 Terawattstunden (TWh) auf über 50.000 TWh jährlich ansteigen wird – zum einen durch wirtschaftliches Wachstum, zum anderen durch die zunehmende Elektrifizierung von Heizung und Beförderung, die bisher noch zu großen Anteilen auf Verbrennung basieren. Dieser gesteigerte Bedarf würde aber größtenteils auf klimaneutrale Weise gedeckt werden, wie unser Chart der Woche zeigt.

 

Doch ganz ohne Regulierung kommt auch das „Positive Tech Scenario“ nicht aus. Staatliche Eingriffe werden zum Beispiel bei der Anschubförderung für anfangs noch nicht konkurrenzfähige Technologien als nötig angesehen. Auch um die Vermeidung von Nebeneffekten geht es dabei: So könnte beispielsweise die Elektrifizierung der Fahrzeuge auf unseren Straßen zu sinkender Ölnachfrage und somit einem sinkenden Preis führen. Dass dadurch Schiff- und Luftfahrt vermehrt fossile Brennstoffe verfeuern, müsste gegebenenfalls regulatorisch verhindert werden.

 

Um effektiv zu sein, sollten die Maßnahmen dabei global koordiniert werden – doch gerade an der internationalen Abstimmung hapert es ja in letzter Zeit wieder verstärkt. Hoffen wir, dass die Dringlichkeit des Problems doch noch ihren Weg in die Köpfe der Entscheider findet. Sonst hilft auch aller technologischer Fortschritt nichts – und am Ende wird womöglich das Nichtstun teurer als alle Maßnahmen, die man hätte ergreifen können.

 

Report „Technology, the climate saviour?“ zum Download auf ING THINK

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