Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Zeitenwende bei den Notenbanken – aber anders als gedacht | 01.02.2019

Freitag, 1. Februar 2019

Wie groß war die Furcht noch vor ein paar Wochen vor übertriebenen und aggressiven weiteren Zinserhöhungen der US-amerikanischen Notenbank Fed. Die Börsen reagierten mit Kursverlusten und Präsident Trump kritisierte Notenbankchef Jerome Powell öffentlich. Ob es nun an Trump liegt, den Börsen oder neuen Einsichten, die Fed scheint jedenfalls Angst vor der eigenen Courage bekommen zu haben und hat eine Wende von der Zinswende eingeleitet. Ist sie wie so oft in der Vergangenheit Vorreiter für den Rest der Notenbanken?

Die US-Notenbank hat sich am Mittwoch einstimmig für eine Beibehaltung des derzeitigen Zinsniveaus von 2,25-2,5% ausgesprochen und gleichzeitig erklärt, noch eine Weile zu pausieren. Die jüngste Volatilität an den Finanzmärkten, der starke Dollar, die nachlassende Wirkung der Konjunkturanreize aus dem letzten Jahr als auch der Handelskonflikt oder der Streit um den US-Haushalt lassen die Fed abwarten. Und auch bei den Marktteilnehmern sind die Erwartungen darüber, wo der Zins am Jahresende steht, innerhalb eines Monats noch einmal deutlich nach unten angepasst worden, wie unser Chart der Woche zeigt.

Prognosen des Federal Open Market Committee und Markterwartungen

So wird nach der Mittwoch-Sitzung für dieses Jahr erwartet, dass die Fed gar nicht mehr an der Zinsschraube dreht und für die nächsten zwei Jahre sind sogar Zinssenkungen eingepreist. Mitte Dezember war immerhin noch eine Zinserhöhung erwartet worden. Dagegen schätzt das Gros der Fed-Mitglieder die Lage doch noch deutlich besser ein. Trotz der jüngsten Habachtstellung rechnen die Mitglieder des Zinsausschusses noch mit zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr und sogar mit einer weiteren im Jahr 2020. Denn die Fed hat auch klar gemacht, dass sie die Zinsschraube anziehen wird, wenn die Daten dies rechtfertigen. Und mit einem robusten Arbeitsmarkt, steigenden Löhnen und gesunkenen Ausgaben für Öl und Benzin steht die Wirtschaft durchaus solide da. Doch an den Märkten überwiegen derzeit die Abwärtsrisiken und die noch vor einem Jahr erwartete Zeitenwende der Notenbanken könnte ganz schnell wieder in die andere Richtung ausschlagen – nach unten.  

Auch die EZB hat sich letzte Woche ein Stück näher Richtung Weltuntergangsstrudel bewegt, indem sie die Risiken für das Wirtschaftswachstum wieder als nach unten gerichtet einstuft. Die Rückkehr eines Abwärtsrisikos für die Wachstumsbewertung signalisiert jedoch noch keine politische Änderung, sondern nur eine leichte sprachliche Lockerung. Denn gleichzeitig sagte EZB-Präsident Mario Draghi auch, dass die Wirtschaftsentwicklung auch nach wie vor positiver ausfallen könne und die Wahrscheinlichkeit einer Rezession nach wie vor gering sei. Zusammenfassen kann man diese Beobachtung daher eigentlich auch unter: Die EZB weiß auch nicht, wohin die Wirtschaftsreise der Eurozone geht.

Daher heißt es jetzt geduldig sein. Denn bis Ende März werden sich viele der derzeitigen Unsicherheitsherde in Sicherheiten verwandeln. Ob Soft-Brexit, Hard-Brexit oder No-Brexit, neue Zölle im Handelsstreit zwischen den USA und China oder Zölle auf europäische Autos und Autoteile – von den nächsten Wochen dürfen wir uns Klarheit erhoffen. Die EZB wird bis dahin versuchen, so viel Zeit wie möglich zu gewinnen, um das Quartalschaos abzuwarten.

Aktuell ist es noch zu früh, die Wende von der Wende zu prognostizieren. Ein Ding ist allerdings ganz deutlich, das Jahr 2019 wird nicht das Jahr der großen geldpolitischen Normalisierung werden. Im schlimmsten Fall wird es sogar noch das Jahr der neuen geldpolitischen Lockerung. Eine Zeitenwende der etwas anderen Art.

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