Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Vollkommene Finanzmärkte | 11.03.2019

Montag, 11. März 2019

Jeder VWL-Student begegnet ihnen irgendwann einmal. Den vollkommenen Kapital- oder Finanzmärkten. Laut der Theorie ist ein wichtiges Merkmal dieser vollkommenen Märkte, dass sie komplett transparent sind und allen Marktteilnehmern alle Informationen sofort zur Verfügung stehen. Auf gut Deutsch, die Märkte haben immer Recht. Wirklich?

In den letzten Wochen wird diese Theorie der vollkommenen Information mal wieder ad absurdum geführt. Während die Finanzmärkte und vor allem die Devisenhändler über eine mögliche Verzögerung des Brexit jubeln, das britische Pfund steigt und laut Analysten noch stärker werden soll, malt man für Europa wieder einmal den Teufel an die Wand. Dieses Mal ist es die “Europawahl”. In beiden Fällen kann man eigentlich nur mit dem Kopf schütteln.

Die Begeisterung über eine mögliche Verzögerung ist verwunderlich. Erstens fragt man sich “Verzögerung, mit welchem Ziel?”, zweitens hat die EU da auch noch ein kleines Wörtchen mitzureden und drittens ist auch bei einer Verzögerung überhaupt nicht garantiert, dass der Brexit ein gutes Ende nehmen wird. Im Gegenteil. Das Szenario eines harten Brexit, ob nun Ende März oder später, ist noch lange nicht vom Tisch. Die Begeisterung der Märkte ist aktuell vergleich mit der aller deutschen Fußballfans nach dem Sieg gegen Schweden bei der WM im Sommer.  

So wie viele Marktteilnehmer beim Brexit-Jubel wohl daneben liegen werden, ist die Schwarzmalerei über die Europawahlen überzogen. Hier lautet das Narrativ der Finanzmärkte, dass anti-europäische Parteien starke Zugewinne feiern werden und Europa damit an den Rand der nächsten Krise bringen werden. Die Anglo-Sächsischen Vorurteile gegenüber Europa feiern Hochkonjunktur.

Abwarten. Denn viel wahrscheinlicher als eine neue politische Krise nach den Wahlen ist doch viel eher ein vielfältigeres Parlament. Im Lager der Eu(ro)skeptiker wird es mehr Verschiebungen als Zugewinne geben. Laut aktuellen Umfragen steigt der Anteil der anti-europäischen Parteien im Mai von jetzt 20% auf „dramatische“ 21%. Die informelle große Koalition von Konservativen und Sozialdemokraten wird wohl keine Mehrheit mehr haben, aber Grüne, Liberale oder Macron’s En Marche fallen nun wirklich nicht in die Kategorie „anti-europäisch“. Die Folge wird weniger Hinterzimmer-Politik sein und offenere Diskussionen, aber keine Krise.

Entspannt beim Brexit und Panik bei den Europawahlen? Der aktuelle Blick der Finanzmärkte lässt wenig von vollkommener Information sehen. Oder man braucht eine Brille.

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