Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Nie langweilig | 07.06.2019

Freitag, 7. Juni 2019

Irgendwie kommen die Finanzmärkte und auch die Konjunktur dieses Jahr nicht zur Ruhe. Jedes Mal, wenn man denkt, dass Ruhe einkehrt und sich die Lage stabilisiert, steht das nächste Unheil schon vor der Tür. Es wird wohl wieder ein turbulenter Sommer.

Die Untergangs-Propheten hatten bisher nicht Recht. Die Weltwirtschaft und vor allem die europäische und deutsche Wirtschaft schlugen sich im ersten Quartal viel besser als erwartet. Ein Wachstum von 0,4% ist für eine Region, die von vielen schon in die Rezession abgeschrieben wurde, nicht schlecht. Die meisten Konjunkturindikatoren haben sich stabilisiert und der schwächelnden Industrie steht weiterhin eine starke inländische Wirtschaft gegenüber. Auch die Europawahlen haben nicht den von einigen Pessimisten heraufbeschworenen Aufmarsch anti-europäischer Kräfte gebracht. Eigentlich ein Moment für Ruhe und einen neuen Aufbruch.

Leider ist dem nicht so. Die erneute Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und China, die Tatsache, dass Präsident Trump seine Mauer zu Mexiko jetzt wohl lieber aus Zöllen als aus Steinen bauen will, und nationale politische Turbulenzen in Europa versprechen einen heißen Sommer.

Vor allem was den Handelsstreit betrifft, ist weiterhin davon auszugehen, dass es zur Entspannung kommen wird. Warum? Weil Donald Trump im nächsten Jahr wieder gewählt werden will. Diese Wiederwahl hängt vor allem von drei Faktoren ab: dem Wirtschaftswachstum, den Aktienmärkten und dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Solange Wirtschaft und Aktienmärkte stabil bleiben und es noch keinen demokratischen Widersacher gibt, wird Donald Trump seine harte Linie im Handelskonflikt fortsetzen. Sobald aber Wirtschaft und/oder Aktienmärkte stark unter Druck kommen, wird er einlenken. Spätestens wenn der Widersacher der Demokraten bekannt ist, wird Trump sich als Macher, als Dealmaker präsentieren wollen. Bis es soweit ist, kann es an den Börsen allerdings noch das ein oder andere Mal enorm scheppern.

Europa und Deutschland nehmen aktuell eher die Zuschauerrolle beim Handelskrieg ein und müssen die negativen Folgen auf den Welthandel ausbaden. Anstatt sich auf sich selbst zu richten und stärker zu werden, sind es wohl eher nationale Auswirkungen der Europawahl, die Konjunktur und Märkten zu schaffen machen könnten. Dabei stehen vor allem Italien und Deutschland ganz oben auf der „Watchlist“. Italien, da hier der Streit über die Fiskalpolitik in die nächste Runde geht. Deutschland, da hier die Regierung enorm wackelt. In beiden Ländern könnte es zum Ende des Jahres zu Neuwahlen kommen. Neuwahlen in Italien hätten wohl große Unruhe auf den Märkten zur Folge. Neuwahlen in Deutschland würden wohl erst nach den Wahlen spürbare Folgen haben. Nämlich dann, wenn deutlich wird, für welche Wirtschafts- und Europapolitik eine neue Regierung stehen würde.

Unter all den neuen und alten Unsicherheiten schlummern weiterhin recht solide wirtschaftliche Fundamente und zudem niedrige Zinsen. In diesem Spannungsfeld wird wohl weiterhin Volatilität Trump(f) sein. Langweilig wird es in der kommenden Zeit definitiv nicht.

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