Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Chinas bröckelnder Automarkt – zwischen strukturellen und zyklischen Faktoren | 02.08.2019

Montag, 5. August 2019

Der größte Automobilmarkt der Welt bröckelt gewaltig. Der Rückgang der Autoverkäufe begann, als sich der Handelsstreit zwischen China und den USA verschärfte. Liegt also alles nur am Handelsstreit oder sind wir mitten in einem strukturellen Wandel des chinesischen Automarkts?

12 Monate in Folge sind die Autoverkäufe in China nun schon gesunken, wie unser Chart der Woche zeigt. Egal ob Pkw oder Nutzfahrzeug, um Chinas Automarkt ist es derzeit nicht gut bestellt. Mitte 2018 haben die USA und China dicke Zoll-Keulen im Handelsstreit ausgepackt, die zu US-Zöllen auf chinesische Waren im Wert von insgesamt 250 Milliarden US-Dollar und zu chinesischen Zöllen auf US-Waren im Wert von 110 Milliarden US-Dollar geführt haben. Autos und Autoteile aus China werden dabei seit Juli 2018 in den USA mit 27,5 Prozent besteuert, während vorübergehend seitens Chinas der Zoll auf US-amerikanische Fahrzeuge von 15 auf 40 Prozent erhöht wurde. Diese zusätzlichen Zölle hat China aber seit Januar 2019 ausgesetzt.

Chinas Autoabsatz bröckelt - Autoverkäufe, Großhandel an den Händler, %-Veränderung ggü. dem Vorjahr

Quelle: Refinitiv, ING Economic & Financial Analysis

Allerdings ist das Volumen des Automobilhandels zwischen China und den USA generell gering. Nur drei Prozent der Gesamtexporte Chinas in die USA waren Automobilexporte, während die US-Autoexporte 2018 7,8 Prozent der Gesamtexporte ausmachten. Auch im vergangenen Jahr gingen die Verkäufe von inländischen Neuwagen stärker zurück als die Verkäufe von Fahrzeugen ausländischer Marken. Der Pkw-Absatz chinesischer Marken sank laut dem Verband chinesischer Automobilhersteller um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wodurch der Marktanteil um 1,8 Prozentpunkte auf 42,1% zurückging. Deutsche Marken konnten dagegen ihren Marktanteil um gut zwei Prozent ausbauen und halten einen Marktanteil von über 20 Prozent. Der Handelsstreit dürfte daher eher generell auf die Stimmung drücken, indem Verbraucher Angst vor Arbeitsplatzverlusten haben und daher auf Autokäufe verzichten, als sich aufgrund der Zölle direkt auf den Autokauf auszuwirken. Auch wenn der Handelsstreit also die Stimmung belastet, scheint er den Abschwung nur zu verstärken. Symptom, aber keine Ursache für Chinas bröckelnden Automobilmarkt.

In den letzten Monaten dürfte vielmehr ein in Europa wohl bekanntes Prozedere auf den Verkäufen gelastet haben: die Umstellung auf einen neuen Emissionsstandard. Zwar müssen alle Leichtfahrzeuge in China die Abgasnorm China 6, die sich an europäischen Vorschriften orientiert, erst bis Juli 2020 erfüllen. Doch viele Provinzen eilten voraus und machten die neue Abgasnorm ein Jahr früher zur Pflicht. Wie das enden kann, haben wir in Europa gesehen. Die Umstellung auf das einheitliche Testverfahren WLTP (Worldwide harmonized light vehicles test procedure) hat im vergangenen Jahr den Pkw-Markt derart belastet, dass die Pkw-Neuzulassungen stärker zurückgingen als während der globalen Finanzkrise. Auch das Auslaufen steuerlicher Anreize für Kleinwagen Ende 2017, die drei Jahre lang Bestand hatten, dürfte sich nach wie vor im chinesischen Markt bemerkbar machen, da Autokäufe dadurch vorgezogen wurden.

Doch darüber hinaus zeichnen sich auch strukturelle Änderungen im chinesischen Automobilmarkt ab. China ist bereits jetzt der größte Ride-Hailing-Markt, also die Anforderung eines Fahrdienstes, der Welt mit über 459 Millionen Kunden und einem Umsatz von rund 53 Milliarden Dollar - in den USA gibt es derzeit 66 Millionen Anwender, die 49 Milliarden Dollar Umsatz generieren. In China nutzt also bereits ein Drittel der Bevölkerung alternative Mobilitätslösungen, während es in den USA 20 Prozent und in der EU 18 Prozent sind. Ride Hailing ist in China sehr beliebt und wird 2023 laut Statista voraussichtlich 680 Millionen Nutzer erreichen. Denn wenn man eine günstige und immer verfügbare Mobilitätslösung hat, warum dann noch ein eigenes Auto kaufen, wenn man sowieso dem Kennzeichenkontingent unterliegt, sofern man kein Elektroauto kauft? Der Absatz bei Elektroautos ist dabei nach wie vor gut, gegenüber dem ersten Halbjahr 2018 stiegen die Verkäufe in diesem Halbjahr um 50 Prozent. Bisher gingen Prognosen für den chinesischen Automarkt immer davon aus, dass die geringen Besitzquoten von Autos genug Wachstumspotential für die kommenden Jahr bieten. Es kann aber durchaus sein, dass dieses Wachstumspotential von Ride Hailing oder Car Sharing übernommen wird.

Alles in allem scheint das derzeitige Bröckeln des chinesischen Marktes eine Kombination zu sein aus zyklischen Faktoren, Einmaleffekten und strukturellen Veränderungen, die den Markt zur selben Zeit treffen. Wenn die Sonderfaktoren auslaufen, wird sich zeigen, wie stark der zyklische und wie stark der strukturelle Part auf die letzten Monate gewirkt hat.

Um den Automobilmarkt geht es auch in unserer Podcast-Folge 19: "Wie steht es um den deutschen Automobilsektor?"

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