Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Alle Mann an Bord!

Freitag, 16. Juli 2021

Die Corona Krise hat auf verschiedene Sektoren, Länder und die Bevölkerung im Allgemeinen verschieden starke Auswirkungen. Grundsätzlich sitzen wir vielleicht im selben Boot, wenn es um die Eindämmung der Verbreitung des Virus geht – ansonsten wurden auf dieser Fahrt aber zum einen Außenkabinen mit Balkon und zum anderen Kabinen unter Deck gebucht.

Wer sich schon einmal auf eine Kreuzfahrt begeben hat, kennt das: Alle Passagiere befinden sich auf demselben Schiff, doch wie komfortabel die Reise verbracht wird, hängt stark von der Lage der eigenen Kabine ab. Ähnlich verhält es sich mit der Corona-Pandemie. Wir alle erleben die gleiche Pandemie, doch gewisse Sektoren, Länder oder Arbeitnehmer wurden deutlich stärker von den Eindämmungsmaßnahmen getroffen als andere. Nicht nur wir berichteten bereits vor einigen Monaten über das Risiko steigender Ungleichheit, auch bei den Zentralbanken ist das Thema so präsent wie lange nicht mehr.

Unser Chart of the Week zeigt, dass im Jahr 2020 in rund 8,5 Prozent aller Reden von Zentralbankern Bezug auf das Thema Ungleichheit genommen wurde. Bis Februar dieses Jahres wurde „Ungleichheit“ in etwa 10 Prozent aller Reden von Zentralbankern thematisiert. Zu diesem Ergebnis kam die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer Analyse aus dem Mai. Seit 2016 wurde das Thema Ungleichheit jährlich in mehr als 5 Prozent der Reden aufgegriffen. Das kann einerseits an der immer wieder gehörten Kritik liegen, dass die lockere Geldpolitik der letzten Jahre zu Vermögensunterschieden geführt hat, andererseits aber auch an den heterogenen Folgen der Pandemie.

  

Verweise auf „Ungleichheit" in Reden von Zentralbankern

Quelle: BIZ; Reden von Zentralbankern, in denen das Stichwort "Ungleichheit" und "Verteilungsfolgen/Auswirkungen der Geldpolitik" erwähnt wird, Anteil an allen Reden von Zentralbankern in der BIZ-Datenbank; Daten bis Februar 2021

  

Denn während Kritiker der lockeren Geldpolitik monieren, dass niedrige Zinsen und die Anleihekäufe der Zentralbanken die Vermögensungleichheit erhöhen würden, geht es dieser Tage um weitaus mehr als steigende Haus- und Aktienpreise und die daraus möglicherweise resultierenden Verteilungsfolgen. Um strukturelle Ungleichheiten, die durch die Pandemie und ihre unterschiedlich starken Folgen deutlicher zu Tage kamen als in den vergangenen Jahren. Und die durch den Einsatz lockerer Geldpolitik, in Form von Zinssenkungen oder unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen, wie Anleiheankaufprogramme, teilweise bekämpft werden können.

Denn in der Theorie führt ein niedrigeres Zinsumfeld zu einer geringeren Sparneigung – die Verbraucher geben ihr Geld aus, oder investieren es. Im Umkehrschluss geht es den Unternehmen besser und neue Jobs können geschaffen werden; die Arbeitslosigkeit sinkt. Kein Einschreiten der Zentralbanken in Zeiten einer Krise oder eines wirtschaftlichen Abschwungs führt also theoretisch zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit – und somit zu einem langfristig wesentlich stärkeren Anstieg der Ungleichheit.

In den vergangenen Monaten wurden wir häufig Zeuge davon, wie Zentralbanker sich an die Politik wandten. So betonte die EZB beispielsweise häufig die Wichtigkeit der Maßnahmen auf Länderebene, aber auch die Relevanz des EU Recovery Fund. Letzteres unter anderem, um eine Divergenz in der wirtschaftlichen Erholung der Eurozone-Mitgliedsstaaten zu vermeiden, was die Stabilität der Gemeinschaftswährung gefährden könnte. Wenn die Krise also ein Kreuzfahrtschiff ist, haben die Zentralbanken durch die Betonung auf den möglichen Anstieg der Ungleichheit zuletzt zumindest versucht, die Reederei zum Bau eines Sonnendecks zu bewegen, auf dem sich die Passagiere aus allen Kabinenklassen bewegen können.

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