Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Kaufkraft-Kulinarik

Freitag, 20. August 2021

Wenn es darum geht die Kaufkraft verschiedener Länder untereinander zu vergleichen, wurde in den vergangenen Jahren tief in der Kulinarik-Kiste gekramt. Sowohl Brotaufstriche als auch Burger wurden zweckentfremdet – interessant sind dabei aber vor allem die Rückschlüsse, die über das Verbraucherverhalten gezogen werden können.

Lebensmittel als Maßstab für Wechselkursbewertungen oder Kaufkraft? Das gibt es. Doch steckt hinter den Lebensmittelpreisen nicht viel mehr? Setzen wir uns erst einmal und genehmigen uns zum Hauptgang einen Burger – es ist ja schließlich Freitag. Der Big-Mac-Index, der bereits im Jahre 1986 von der Wochenzeitung „The Economist“ entwickelt wurde, soll anhand der Preise des großen Leckerbissens aufzeigen, ob eine Landeswährung über- oder unterbewertet ist. Im Juli dieses Jahres kostete ein solcher Burger in der Eurozone im Schnitt 4,27 Euro, in den USA lag der Preis bei 5,65 US-Dollar. Der implizierte Wechselkurs lag somit bei 1,32 – tatsächlich allerdings betrug der USD/EUR Wechselkurs im Juli durchschnittlich 1,18. Der Big-Mac-Index impliziert also eine rund 11-prozentige Unterbewertung des Euro.

Zum Nachtisch gibt es Nuss-Nougat-Creme. Denn auch Nutella wird global nach fast identischer Rezeptur hergestellt, verkauft und kann als Maßstab für die Kaufkraft oder Wechselkursbewertungen herangezogen werden. Da es innerhalb der Währungsunion keine Wechselkurse gibt, kann man mit Burgern und Nuss-Nougat-Creme die Kaufkraft in den unterschiedlichen Ländern analysieren. In Burgern gemessen fällt der Unterschied gering aus. Während der deutsche Big Mac zuletzt 4,45 Euro kostete, waren es in Italien 4,30 Euro. Deutlichere Preisunterschiede sind bei der Nuss-Nougat-Creme zu beobachten: ein Kilo des Frühstücksklassikers kostete in Italien zuletzt rund 7,35 Euro, in Deutschland mussten lediglich 5 Euro bezahlt werden. Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge sind allerdings nicht nur kleine Frühstücksleckereien in vielen Teilen der Eurozone teurer als in Deutschland, sondern zum Teil werden Lebensmittel im Allgemeinen höher bepreist. Das zeigt unser Chart of the Week.

Preisniveaus für die Konsumausgaben der Haushalte, Deutschland=100

Quelle: Destatis, Stand Mai 2021

Während in Italien das Preisniveau für Konsumausgaben im Generellen im Mai unterhalb des deutschen Niveaus lag, lag es für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke um rund 4 Prozent darüber. Ein Blick ins Detail zeigt: besonders für Fleisch, Brot- und Nährmittel sowie Milchprodukte und Eier muss man in Italien tiefer in die Taschen greifen als es hierzulande der Fall ist. Unseren kulinarischen Ausflug wollen wir daher gerne mit einem Kaffee beenden – denn ein Cappuccino kostet in Deutschland im Durchschnitt 2,60 Euro, während in Italien lediglich etwa 1,40 Euro dafür verlangt werden. Da Milchprodukte in Italien ansonsten generell höher bepreist werden als hierzulande, ist davon auszugehen, dass die unterschiedliche Preissetzung der Lebensmittel auch stark mit den Essgewohnheiten eines Landes zusammenhängt.

Lassen sich anhand von Burger und Brotaufstrich also wirklich Rückschlüsse auf die Kaufkraft oder Wechselkursbewertung ziehen? Die Antwort ist nein – denn Lebensmittelpreise werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Abgesehen von den Essgewohnheiten eines Landes spielen sowohl die generelle Zahlungsbereitschaft für Lebensmittel als auch die Struktur des Lebensmitteleinzelhandels eine Rolle bei der Preissetzung. Im Falle Deutschlands sorgen beide Faktoren für eine vergleichsweise niedrige Bepreisung von Lebensmitteln. Zudem werden die Preise in Bruttobeträgen verglichen, etwaige Unterschiede in der Mehrwertsteuer werden also nicht berücksichtigt. Und diese können, je nachdem welche Lebensmittel man miteinander vergleicht, in Deutschland und Italien enorm ausfallen.

Sowohl Burger als auch Brotaufstriche sollten daher eher als Hilfsmittel zur Veranschaulichung der Kaufkraftparitäten-Theorie anstatt als Feinschmecker-Methodik betrachtet werden. Denn was die Bepreisung von Lebensmitteln betrifft, spielen Politik, Verbraucherverhalten, Marktstruktur und Essgewohnheiten eine ebenso große Rolle wie die tatsächliche Kaufkraft eines Landes.

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