Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Ab in die zweite Runde?

Freitag, 3. September 2021

Die Inflationsrate lag in den vergangenen Monaten so hoch wie lange nicht mehr. In diesem Zusammenhang wird gerne auf die temporären Sondereffekte verwiesen. Aber auch sogenannte Zweitrunden-Effekte, die zu einem persistenteren Preisanstieg und somit zu langfristig höherer Inflation führen könnten, kamen zuletzt zur Sprache.

Die Verbraucherpreise sind in Deutschland im August, im Vergleich zum Vorjahr, um voraussichtlich 3,9 Prozent gestiegen. Der harmonisierte Index, der für die geldpolitische Entscheidungsfindung der EZB relevant ist, stieg im August im Vergleich zum Vorjahr um voraussichtlich 3,4 Prozent. Preissteigerungen in diesem Umfang wurden zuletzt 2008 verzeichnet, im Durchschnitt lag die Inflation zwischen 2010 und 2021 bei 1,3 Prozent. Dass die Preise im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nun eine so außergewöhnliche Steigerung zeigen, lässt sich allerdings zunächst auf temporäre Sondereffekte zurückführen. Genauer gesagt auf die Umkehrung der Mehrwertsteuersenkung, die sich in den jährlichen Teuerungsraten erst im Juli zum ersten Mal widergespiegelt hat, und die gestiegenen Energiepreise. Letztere waren zu Beginn der Krise stark eingebrochen, doch mit zunehmender Mobilität zogen auch sie wieder an, hinzu kam die CO2-Steuer.

Doch was hat es mit den sogenannten Zweitrundeneffekten auf sich? Aktuell muss man eigentlich zwei Arten von Zweitrundeneffekten unterscheiden: die Weitergabe höherer Erzeugerpreise an die Verbraucher und die Erhöhung der Löhne als Reaktion auf gestiegene Preise.

Schauen wir uns den ersten Zweitrundeneffekt an. Im Rahmen der monatlichen Industrieumfrage ermittelt die Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der Europäischen Kommission auch regelmäßig die Erwartungen an die Entwicklung der Verkaufspreise. In einigen Sektoren sowie auch insgesamt lagen diese zuletzt auf Rekordständen. Unser Chart of the Week zeigt, dass diese Höchststände deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen 5 Jahre liegen.

Verkaufspreiserwartung, Saldo aus positiven und negativen Antworten

Quelle: DG ECFIN Business & Consumer Survey, August 2021

Die Ergebnisse der Umfrage werden als Saldo aus positiven Antworten, was der Erwartung steigender Preise entspricht, und negativen Antworten, was der Erwartung fallender Preise entspricht, ausgegeben. Werden unveränderte Preise erwartet, wird diese Antwort nicht berücksichtigt. Theoretisch könnten die Werte zwischen -100, was implizieren würde, dass alle Befragten sinkende Preise erwarten, und 100 liegen. Letzteres wiederum würde bedeuten, dass alle Befragten davon ausgehen, dass die Preise steigen werden. Zwischen 2015 und 2021 lag der Wert für die Verkaufspreiserwartungen im Durchschnitt bei 5,7 – im August lag der Wert nun allerdings bei 49 – und somit auf dem höchsten Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1985. Besonders hoch fielen die Ergebnisse in der Produktion von Kohle und raffinierten Erdölerzeugnissen aus, mit einem Wert von knapp 99. Doch auch für Möbel lagen die Verkaufspreiserwartungen auf hohem Niveau. Im Juli wurde das Allzeithoch von 73,3 erreicht, im August lag der Wert mit 65,6 ein wenig niedriger.

Hier macht sich unter anderem der Materialmangel bzw. die starke Preissteigerung von Holz bemerkbar. In der ersten Runde geben die Zulieferer die gestiegenen Preise an die Produzenten weiter – die Einkaufspreise steigen, was bei unveränderten Verkaufspreisen zu geringeren Margen führen würde. Auf die Verbraucherpreise wirkt sich das nur dann aus, wenn die Produzenten in Reaktion ebenfalls die Preise anheben – und dass genau das der Fall ist, zeigen die Ergebnisse der Industrieumfrage.

Die bekannteren Zweitrundeneffekte sind gestiegene Verbraucherpreise, die zu höheren Löhnen, insbesondere durch Tarifverhandlungen, führen. Denn somit steigt der Kostendruck auf die Unternehmen weiter, was in erneuten Preiserhöhungen der Güter resultieren dürfte. Dieses Wechselspiel aus Lohn- und Preiserhöhung könnte dann dafür sorgen, dass die Inflation deutlich länger höher liegt. Die bereinigten Reallöhne sind im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 10 Jahren gefallen und in den aktuellen Tarifverhandlungen sind nicht mehr die Inflationserwartungen, sondern die tatsächliche Preisentwicklung die Basis für Lohnforderungen. Aktuelle Lohnforderungen zeigen, dass die Arbeitnehmerseite deutlich weniger zurückhaltend in die kommenden Lohnrunden gehen wird.

Während die EZB immer noch vor einer zu niedrigen und nicht vor einer zu hohen Inflation warnt, war der Nährboden für Zweitrundeneffekte wahrscheinlich nie fruchtbarer als momentan.

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