Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Mehr Wohneigentum, weniger Vermögensungleichheit?

Freitag, 10. September 2021

Die Bundestagswahl steht vor der Tür und in einem Punkt sind sich alle großen Parteien einig: Deutschland braucht mehr bezahlbaren Wohnraum. Und nicht nur das, die meisten Parteien planen scheinbar auch, auf verschiedenste Weise die Eigentumsquote zu erhöhen. Tatsächlich ist der Anteil an Eigenheimbesitzern in Deutschland so gering wie in keinem anderen Land der Eurozone, was unter anderem der Grund dafür sein dürfte, dass bei relativ geringer Einkommensungleichheit die Ungleichheit der Vermögensverteilung auf dem höchsten Niveau derselbigen liegt.

Den Traum vom Eigenheim hatte sich bis zum Jahr 2019 etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung verwirklicht. Während es sich rund 51 Prozent in den eigenen vier Wänden gemütlich machten, lebten 49 Prozent der Deutschen zur Miete. Zunächst klingt das nach keinem schlechten Schnitt – jeder Zweite immerhin war im Besitz von Wohneigentum. Ins Verhältnis gesetzt wird allerdings deutlich, dass es noch reichlich Luft nach oben gibt. Im Schnitt lag die Eigentümerquote in der Eurozone im Jahr 2019 nämlich bei rund 66 Prozent, Spitzenreiter mit 91 Prozent war die Slowakei. Generell ist zu beobachten, dass die Wohneigentumsquote in den südlichen Eurozone-Ländern wesentlich höher liegt als in den nördlichen Staaten.

Jene Parteien, die die Förderung von mehr Wohneigentum in Deutschland planen, setzen vor allem auf den Abbau von Bauvorschriften und -regularien, die Förderung von Mietkaufmodellen, die Reformierung der Grunderwerbssteuer und die Senkung von Kaufnebenkosten. Unser Chart of the Week zeigt, dass die Förderung von Wohneigentum auch aus Verteilungsgründen sinnvoll wäre. Denn die Vermögensungleichheit, gemessen am Gini-Koeffizienten, ist in Deutschland auf hohem Niveau. Diese Verteilungsunterschiede können allerdings nicht allein aus einer ungleichmäßigen Einkommensverteilung resultieren, denn der entsprechende Gini-Koeffizient liegt deutlich niedriger – auch im Vergleich mit anderen Eurozone-Ländern.

Gini-Koeffizient der Einkommens- und Nettovermögensverteilung

Quelle: Eurostat, OECD, Global Wealth Databook

Das Nettovermögen setzt sich aus finanziellen und nicht-finanziellen Vermögenswerten abzüglich der Schulden zusammen. Mit einem Gini-Koeffizienten von knapp 0,82, bei einer maximal möglichen Wertannahme von 1, fällt die Vermögensverteilung innerhalb Deutschlands recht ungleichmäßig aus. Auch in der Einkommensverteilung bestehen Unterschiede, mit einem Koeffizienten von etwa 0,31 fallen diese aber wesentlich geringer aus als die Vermögensungleichheit. Auffällig ist, dass insbesondere in den südlichen Eurozone-Ländern eine, im Vergleich zu Deutschland, größere Ungleichheit der Einkommensverteilung mit einer geringeren Ungleichheit des Vermögens einher geht. Ganz besonders in diesen Ländern ist die Wohneigentümerquote höher als es hierzulande der Fall ist. Italien, Spanien und Portugal weisen Eigentümerquoten von zwischen 67 und 70 Prozent aus. Da Wohneigentum zu den nicht-finanziellen Vermögenswerten zählt, steigert das Eigenheim das Nettovermögen – je mehr Menschen in einem Land ein Haus oder eine Wohnung ihr Eigen nennen können, desto gleichmäßiger sollte daher auch das Nettovermögen verteilt sein.

Doch wie ist es möglich, dass sich in den übrigen Eurozone-Ländern, trotz größerer Unterschiede in den Einkommen, mehr Menschen ein Eigenheim leisten? Tatsächlich wird der Erwerb von Immobilien, insbesondere zur Eigennutzung, in vielen Ländern der Eurozone stärker gefördert als es in Deutschland der Fall ist. Insgesamt liegen die Kaufnebenkosten in Deutschland zwischen 9 und 12 Prozent des Kaufpreises. Für den Erwerb von Wohneigentum wird hierzulande also durchaus ein gewisses Vermögen vorausgesetzt. In anderen Teilen der Eurozone fallen diese Kosten, nicht zuletzt durch steuerliche Vergünstigungen beim Erwerb zur Selbstnutzung, wesentlich geringer aus. Bei den niederländischen Nachbarn liegen sie beispielsweise lediglich zwischen 5 und 6 Prozent, auch im südlich gelegenen Italien kommen die Eigenheimkäufer mit rund 5 Prozent Kaufnebenkosten wesentlich günstiger davon.

Auch wenn sich die Diskrepanz zwischen Einkommens- und Vermögensungleichheit natürlich nicht vollständig durch die Eigentumsquote erklären lässt, könnten die geplanten wohnpolitischen Reformen nicht nur den Eigentümeranteil in Deutschland, sondern auch eine Minderung der Vermögensungleichheit fördern.

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