Autor

Carsten Brzeski
Chefvolkswirt der ING-DiBa
@carstenbrzeski

Chart of the Week Heißes Wasser einfrieren – kann eine Zinserhöhung aktuell die Inflation senken?

Freitag, 29. April 2022

Die Inflation ist hoch, was der Grund dafür ist, dass sich die Forderungen nach einer ersten Zinserhöhung der EZB mehren. Die Fed hat es schließlich auch getan, warum also nicht auch in der Eurozone der ultralockeren Geldpolitik ein schnelles Ende bereiten? Doch die EZB hat gute Gründe für die graduelle Anpassung der Geldpolitik. Auf die meisten der aktuellen Preistreiber kann sie schlichtweg keinen direkten Einfluss nehmen.

Die Inflation liegt hoch und für den Moment sieht es so aus, als gäbe es auch für die künftige Entwicklung nur eine Richtung: aufwärts. Lag die jährliche Teuerungsrate der Eurozone im März noch bei 7,4 Prozent zeigt die heutige Schnellschätzung für April an, dass die Preise seit April letzten Jahres um 7,5 Prozent gestiegen sind. Auch in den USA lag die Inflation im März mit 8,5 Prozent auf dem höchsten Wert seit Dezember 1981. Um die hohe Inflation zu bekämpfen, erhöhte die US-amerikanische Notenbank, die Fed, bereits im März die Zinsen. Ein Schritt, der nun auch von immer mehr Seiten von der Europäischen Zentralbank gefordert wird. Was die Bekämpfung der Inflation betrifft, steht die EZB allerdings vor einer großen Herausforderung.

Unser Chart of the Week zeigt, dass knapp 60 Prozent der Inflation im März in der Eurozone durch hohe Energiekosten getrieben war, während die Preissteigerungen für Güter und Dienstleistungen zusammen weniger als 30 Prozent beitrugen. In den USA hielt die Preissteigerung für Güter und Dienstleistungen hingegen mit je knapp 30 Prozent einen größeren Beitrag an der gesamten Teuerungsrate als die Energie. Anders als in den USA ist ein Großteil der Eurozone-Inflation aktuell nicht nachfrageseitig getrieben, sondern angebotsseitig.

Beitrag der Hauptproduktkategorien zum Verbraucherpreisindex im März 2022 (% gegenüber Vorjahr)

Quelle: Macrobond; ING Economic & Financial Analysis

Die Preise steigen also nicht aufgrund der Tatsache, dass die Wirtschaft brummt und jeder in Konsumlaune ist, sondern hauptsächlich aufgrund erhöhter Produktionskosten und eines mangelnden Angebots in Folge von hohen Energiepreisen und Lieferkettenstörungen.

Doch eine Erhöhung der Leitzinsen wird nicht dafür sorgen, dass sich die Lieferkettenschwierigkeiten erübrigen und die Energie günstiger wird. In anderen Worten: eine Leitzinserhöhung würde aktuell nicht dazu führen, dass die Preise tatsächlich sinken. Abgesehen von den unterschiedlichen Inflationstreibern gibt es weitere entscheidende Unterschiede zwischen den USA und der Eurozone, die die unterschiedliche geldpolitische Haltung rechtfertigen. Zum einen sind die USA vom Krieg in der Ukraine wirtschaftlich weniger betroffen, als es die Eurozone aufgrund ihrer Abhängigkeit von russischer Energie ist. Wie stark der wirtschaftliche Einfluss auf die Eurozone sein wird, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Deswegen ist die EZB gut beraten, sich zunächst alle Optionen offenzuhalten und das größtmögliche Maß an Flexibilität zu bewahren, bis die Datenlage eine ordentliche Beurteilung der wirtschaftlichen Lage und Aussichten zulässt. Und auch bereits vor Ausbruch des Kriegs standen die USA an anderer Position im Konjunkturzyklus: das Vor-Pandemieniveau war schon lange erreicht, der Arbeitsmarkt ist extrem angespannt und die Löhne steigen deutlich. Hinzu kommt, dass Zinserhöhungen in den USA über Baufinanzierungen mit variablen Zinsen und Einfluss auf Konsumentenkredite einen schnelleren und direkteren Einfluss auf die Konjunktur haben als in der Eurozone.

Komplett untätig bleibt die EZB nicht. Die geldpolitische Normalisierung hat ja schon eingesetzt und die Nettoankäufe unter dem Asset Purchase Programme werden voraussichtlich Ende Juni enden. Eine erste Zinserhöhung wurde für „einige Zeit, nachdem die Nettoankäufe geendet haben“ angekündigt und ist damit ab Juli möglich. Ob sie dann schon kommt oder doch erst im September, hängt zum großen Teil von der konjunkturellen Entwicklung in den nächsten zwei Monaten ab. Bricht die Konjunktur unter den Folgen des Ukraine-Krieges ein, wird es wohl September. Zeigt sich die Konjunktur widerstandsfähiger als erwartet, könnte es auch schon Juli sein. Eine lange Reihe von Zinsschritten erscheint aber sehr unwahrscheinlich.

So sehr die abwartende Haltung der EZB ein gefundenes Fressen für jeden Kritiker der Zentralbank ist – aktuell ist es die beste Option, die sie ausüben kann. Denn eine schnelle Zinserhöhung wäre zur Inflationsbekämpfung aktuell so effektiv, wie der Versuch auf Vorrat heißes Wasser einzufrieren.

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