ROUNDUP: IG Metall mobilisiert rund 175.000 Auto-Beschäftigte
WOLFSBURG/FRANKFURT (dpa-AFX) - Trommeln, Trillerpfeifen, Banner und Fahnen: Kurz vor Beginn der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall die Muskeln spielen lassen - und nach eigenen Angaben rund 175.000 Beschäftigte der Autoindustrie mobilisiert. Aktionen gab es aber nicht nur in den deutschen Auto-Hauptstädten Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt und München, sondern an rund 280 Orten im gesamten Bundesgebiet.
Die Beschäftigten zogen unter anderem vor die Zentralen der großen Autobauer sowie Werke von Zulieferern. Doch was bringt die Menschen so auf die Palme? Der Aktionstag richtete sich gegen Jobabbau, mögliche Werkschließungen und Forderungen nach längeren Arbeitszeiten. Das Motto lautete: "Zukunft statt Kahlschlag - Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke".
Zehntausende Stellen fallen weg
Fast überall verschwinden Arbeitsplätze - in der deutschen Autoindustrie geht das derzeit aber schneller als in jedem anderen Industriezweig. Zum Ende des ersten Halbjahres waren in einer von Deutschlands Leitbranchen noch 691.500 Menschen beschäftigt - und damit so wenig wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005.
Dabei wird es nicht bleiben: Angesichts der Krise läuft eine ganze Reihe von Abbauprogrammen, die sich noch über Jahre erstrecken. Zehntausende sind betroffen - unter anderem bei Mercedes-Benz <DE0007100000>, BMW <DE0005190003>, im VW <DE0007664039>-Konzern und den dazugehörigen Marken sowie bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen, Aumovio <DE000AUM0V10> und Mahle. Bei VW steht auch die Schließung der Werke Hannover, Emden, Zwickau sowie des Audi-Standorts Neckarsulm im Raum.
Benner: Vorstände fahren die Branche gegen die Wand
IG-Metall-Chefin Christiane Benner warf den Auto-Managern bei einem Auftritt in Wolfsburg schwere Fehler vor. Die deutschen Unternehmen hätten für tolle Autos und gute Qualität gestanden. "Jetzt fahren Vorstände die Branche mit Vollgas gegen die Wand und begehen danach Fahrerflucht", sagte Benner laut Mitteilung. Medien waren auf dem VW-Werksgelände nicht zugelassen. Das hatte der Vorstand um VW-Chef Oliver Blume nach Angaben von Betriebsrat und IG Metall in der vergangenen Woche verfügt.
"Überall brennt gerade die Hütte", sagte die Gewerkschaftschefin demnach. Man erwarte, dass die Unternehmensspitzen Verantwortung für das Autoland Deutschland, die Beschäftigten und die Arbeitsplätze übernehmen. Als Ausweg aus der Krise fordert die IG Metall Investitionen in neue Produkte, Technologien und Standorte statt eines weiteren Personalabbaus. Angriffe auf die 35-Stunden-Woche, Tarifverträge und die Mitbestimmung lehnt sie ab.
Von der Politik forderte Benner verlässliche Bedingungen für Investitionen, bezahlbare Energie und die Förderung eines "Made in EU"-Ansatzes. Zudem verlangte sie Schutz vor unfairem Wettbewerb, Finanzhilfen für Zulieferer im Umbau und die Beibehaltung der Altersteilzeit-Regelungen.
Industrie: Produktion in Deutschland ist kein Naturgesetz
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hatte bereits vor dem Aktionstag eine größere Veränderungsbereitschaft von Gewerkschaften und Beschäftigten angemahnt. Produktion in Deutschland sei "kein Naturgesetz", die Auslastung von Werken "kein Selbstläufer", schrieb VDA-Präsidentin Hildegard Müller in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt".
Als Wettbewerbsnachteil nannte sie insbesondere die hohen Arbeitskosten und die kürzeren Arbeitszeiten in Deutschland. Eine Arbeitsstunde koste in der Autoindustrie hierzulande fast 65 Euro, in Tschechien 24 und in Polen 18 Euro. Hinzu komme, dass in Deutschland im Durchschnitt 1.300 Stunden im Jahr gearbeitet würden, in Tschechien 1.800 und in Mexiko mehr als 2.000.
Warum die Geschäfte schlechter laufen
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein wesentlicher Grund sind zum Beispiel die schwachen Geschäfte im wichtigsten ausländischen Markt: China. Dort sitzt das Geld nicht mehr so locker. Gleichzeitig herrscht ein aggressiver Preiskampf zwischen den zahlreichen einheimischen und jungen Herstellern, die um Marktanteile buhlen. US-Zölle belasten die Geschäfte. Und die E-Mobilität läuft langsamer als erwartet hoch. Viele Autobauer und Zulieferer verzeichneten zuletzt Gewinneinbrüche und haben mit Sparprogrammen reagiert.
Bei Umsatz und operativem Gewinn lagen die deutschen Autobauer im ersten Halbjahr laut einer EY-Analyse zwar weiter vor Herstellern anderer Länder. Bei der Entwicklung verloren sie aber den Anschluss. Der Umsatz von VW, BMW und Mercedes sank in Summe um 2,9 Prozent auf rund 284 Milliarden Euro. Insgesamt steigerten die 19 weltweit größten Autokonzerne ihren Umsatz im selben Zeitraum dagegen um 3,6 Prozent.
EY-Experte: Deutsche Konzerne suchen Heil in Abwanderung
Außerdem sank der operative Gewinn der deutschen Hersteller um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro - der niedrigste Wert seit dem Pandemie-Jahr 2020. EY-Branchenexperte Constantin Gall zufolge leiden die deutschen Konzerne massiv unter strukturellen Kostennachteilen: "Der hohe Produktionsanteil in Deutschland, lange ein Wettbewerbsvorteil und Symbol für Qualität und Stärke, ist angesichts einer viel zu geringen Lohnkostenproduktivität, hoher Energiepreise und hoher regulatorischer Kosten zunehmend eine Belastung."
Notwendige Veränderungen könnten hierzulande nicht konsequent umgesetzt werden. "Deutsche Konzerne suchen daher ihr Heil in der Abwanderung an attraktivere Standorte", erklärte Gall. Alle Beteiligten müssten über ihre Schatten springen und die strukturellen Standortnachteile schnell lösen.
Tarifrunde: Erste Verhandlungen im Oktober
Der Vorstand der IG Metall will seine Forderung nach Rücksprache mit den regionalen Tarifkommissionen an diesem Mittwoch beschließen. Erste Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden sind ab dem 7. Oktober geplant. Die aktuellen Tarifverträge laufen zum 31. Oktober aus. Danach sind Warnstreiks möglich.
In den Flächentarifverträgen für die Metall- und Elektroindustrie werden die Arbeitsbedingungen von rund 3,7 Millionen Beschäftigten verhandelt. Neben der Autoindustrie sind Maschinenbau, Metallbearbeitung, Elektrotechnik und der sonstige Fahrzeugbau wichtige Sparten. Nicht verhandelt wird für die Beschäftigten der Volkswagen <DE0007664039> AG, für die ein eigener Haustarifvertrag gilt. Er läuft zum Jahresende aus./jwe/DP/nas
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