ROUNDUP 2: Droht Volkswagen der größte Konflikt in der Firmengeschichte?
(Neu: Nach Mitteilungen durchgängig aktualisiert)
HANNOVER/WOLFSBURG (dpa-AFX) - Im Ringen um schärfere Sparmaßnahmen steuert Volkswagen <DE0007664039> auf einen heißen Winter zu. Die Tarifverhandlungen zwischen dem Unternehmen und der IG Metall sollen zwar erst in mehreren Wochen beginnen. Doch die Worte von Bezirksleiter Thorsten Gröger klingen bereits nach Sturm: Die Stimmung in der Belegschaft habe einen Siedepunkt erreicht. "Alles deutet auf eine Auseinandersetzung hin, die größer werden könnte als alles das, was dieser Konzern jemals erlebt hat".
Sparpläne müssen verhandelt werden
Die Unruhe bei Volkswagen ist bereits seit Monaten groß. Im Juni waren erste Einzelheiten eines Zukunftsplans bekanntgeworden, mit dem der Vorstand um Chef Oliver Blume den angeschlagenen Autobauer wieder auf Kurs bringen will. Der VW <DE0007664039>-Aufsichtsrat beschloss die Pläne Anfang September - es handelt sich nach eigenen Angaben um das "tiefgreifendste Transformationsprogramm" in der Unternehmensgeschichte. Neben vielen weiteren Maßnahmen umfasst die Rosskur Einsparungen im zweistelligen Milliardenbereich. Dazu soll auch der Wegfall von rund 50.000 Jobs beitragen - zusätzlich zu den bisherigen Plänen.
Seitdem stellt sich die Frage, wann und wie über die Sparpläne - vor allem den Stellenabbau - verhandelt werden soll. Am Freitag haben sich Vertreter von VW, IG Metall und Betriebsrat zwar bereits zum zweiten Mal zu einem sogenannten Überprüfungsgespräch getroffen. Doch verhandelt wurde in dem Rahmen nicht, es ging vielmehr um eine Bestandsaufnahme.
Nach dem Gespräch hat das Management nun erstmals eine Zielmarke für den Stellenabbau bei der Kernmarke genannt. Bei der Volkswagen AG sollen weitere 12.000 Stellen bis 2030 sozialverträglich abgebaut werden. Dort fallen bereits mehr als 35.000 Jobs bis zum Ende des Jahrzehnts weg. Zu den Instrumenten dafür zählt VW auch "die Eröffnung von förderfähigen Transfergesellschaften, in die Beschäftigte wechseln können, um sich neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu erschließen". An der Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 halte das Unternehmen trotz der angespannten, schwierigen Lage fest, hieß es.
Die wirtschaftliche Situation hat sich nach Angaben des Personalvorstands der Kernmarke VW, Arne Meiswinkel, drastisch verschlechtert. "Daraus ergibt sich ein akuter Handlungsbedarf", erklärte der Manager. Er drängte darauf, die Maßnahmen aus dem Zukunftsplan schnell umzusetzen. Nur ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen könne auf Dauer sichere Arbeitsplätze bieten.
Fast alle Tarifverträge bei VW gekündigt
Angesichts der Sparpläne richten sich die Blicke nun auf die nächsten Monate. Und die dürften haarig werden. Denn Volkswagen hat bereits nach dem ersten Überprüfungsgespräch Ende September zehn Tarifverträge gekündigt - und damit fast alle Vereinbarungen des VW-Haustarifs. In den Verträgen sind unter anderem Arbeitszeit, Urlaubstage und Zulagen geregelt. Das Unternehmen will so einen Verhandlungsraum öffnen, um mit Blick auf den aktuellen Kostendruck verschiedene Regelungen anzupassen.
Konkrete Forderungen hat VW bislang nicht vorgelegt. Meiswinkel sagte aber: "Wir müssen über wettbewerbsfähige Arbeitskosten sowie über Themen wie Veränderungsbereitschaft und einen flexibleren Personaleinsatz sprechen". Die Verhandlungen betreffen rund 130.000 VW-Beschäftigte in Deutschland. Die Verträge wurden zum 31. Dezember 2026 gekündigt.
IG Metall droht mit Arbeitskampf
VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo nannte das Vorgehen von Volkswagen einen "Riesenaffront". IG-Metall-Bezirksleiter Gröger wertet die Kündigungen als Vertrauensbruch - und hatte VW dazu aufgefordert, sie rückgängig zu machen. Nur so seien konstruktive Gespräche möglich. Falls das nicht geschehe, rolle "eine gewaltige Maschinerie" an, die den Arbeitskampf bei Volkswagen vorbereite. Die VW-Führung ging darauf nicht ein.
Einigen konnten sich beide Seiten aber auf den Beginn der Tarifverhandlungen. Der erste Termin ist für den 24. November in Emden anberaumt. Fortgesetzt werden die Verhandlungen am 15. Dezember in Zwickau. An beiden Orten stehen bedrohte VW-Werke. "Tarifverhandlungen gehören nicht in die Wohlfühlzone der 13. Vorstandsetage", sagte Gröger. Sie gehörten dorthin, wo die Zukunft der Standorte auf dem Spiel stehe.
Die IG Metall fordert in der Tarifrunde fünf Prozent mehr Geld. Dabei muss es den Angaben nach aber nicht bleiben. Durch die Kündigungen sei der Raum für Forderungen eröffnet, sagte Gröger. Es gebe genaue Vorstellungen darüber, was man alles an diesen Tarifverträgen verändern oder verbessern könne. Als Beispiele nannte er eine Verlängerung der Altersteilzeit-Regelungen oder die Frage, wie weit man die Beschäftigungssicherung in die 2030er Jahre hinein fortschreiben könne. Die Gewerkschaft will demnach "zu gegebener Zeit" ein umfassendes Konzept für die Zukunft von Volkswagen vorlegen.
VW und IG Metall stellen sich auf lange Verhandlung ein
Alles deutet nun auf eine Mega-Verhandlung hin, in der auch die Zukunft der bedrohten VW-Werke nicht ausgeklammert werden kann. Alles hänge mit allem zusammen, heißt es aus Unternehmenskreisen. Denn in den unterschiedlichen Verhandlungsrunden sitzen sich oft dieselben Personen gegenüber.
Wie lange das dauern wird? Die IG Metall spricht mittlerweile nur noch von der Tarifrunde 2026/27. Im Unternehmen hoffen manche zwar auf ein schnelles Ergebnis, stellen sich aber auf Warnstreiks ein. Gröger zufolge bereitet die Gewerkschaft die Eskalation vor. Nicht weil man es wolle, sondern weil man es müsse. "Wir suchen den Konflikt nicht, aber wir sind vorbereitet", sagte er. Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember./jwe/DP/mis
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